Eine Arbeitervorstadt entsteht: Weendes Weg in das Industriezeitalter(1830-1918) - Uta Schäfer-Richter

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Die Pfarrkirche, vor der unser Besucher stand und auf die Meierhöfe blickte, lag dem früher nicht nur wirtschaftlichen, sondern ebenso geistigen Zentrum Weendes - dem Kloster - diagonal gegenüber am südöstlichen Rand des Dorfes. Etwas höher gelegen blickte die Kirche, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts vollständig renoviert worden war, auf die Weender herab, die gemeinsam mit den Nikolausbergern die St.Petri-Pfarre bildeten. Möglich, daß man hier dem Pastor Kreibohm begegnet wäre, der sich vielleicht im Stillen gefragt hätte, ob das unbekannte Gesicht ein fremder Gast des Ortes oder doch ein ihm noch unvertrautes Gesicht der eigenen Gemeinde sei. Erst seit einigen Jahren - seit 1869 - lebte und arbeitete er hier. Mit 2149 Seelen war Weende die größte Gemeinde in der Göttinger Kircheninspektion I, die etwa dem heutigen Kirchenkreis Göttingen Nord entspricht. Da war es nicht immer leicht, mit allen bekannt und vertraut zu sein, zumal bei der starken Fluktuation der Einwohner mit deren ständigen Fort- und Zuzügen. Und dann war da noch die betrübliche Tatsache, daß der Gottesdienstbesuch, überhaupt die Teilnahme am kirchlichen Leben, immer dürftiger wurde. Warum war das so? Sehr viele Familien lebten in ärmlichen Verhältnissen, oft arbeiteten Mann und Frau in den Fabriken oder auf den Feldern, um ein Auskommen für ihre Familie zu finden. Da blieb wenig Kraft und Zeit. Allerdings, zum Feiern und zum Branntweintrinken fanden sich offenbar immer genug Zeit und Geld. Möglich, daß der Pastor darüber nachdenkend und grübelnd eilends weitergeschritten wäre zum ersten Schullehrer, der zugleich Küster war und mit dem vielleicht noch eine Absprache wegen des sonntäglichen Gottesdienstes zu treffen war. Gleich neben der Kirche lag ja die »große Schule«, die auch die Lehrerwohnung des ersten Lehrers beherbergte.

Möglich aber auch, daß der Besucher den Pastor ansprach, um nach dem Weg hinauf zu Weendespring zu fragen, mit dem er seinen Rundgang abschließen wollte. Der Weg war schnell beschrieben:[…]

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In der Parochie Weende, zusammen mit dem Nachbarort Nikolausberg die größte in der Kircheninspektion Göttingen I, wirkten in den gut hundert Jahren von 1802 bis 1920 sechs Pastoren: von 1802 bis 1843 Johannes Friedrich Wilhelm Bode; von 1843 bis 1869 Christian Friedrich Karl Ahlborn; von 1869 bis 1880 Karl Hermann Julius Kreibohm; von 1881 bis 1888 Adolf Friedrich Omstade Hartmann; von 1889 bis 1905 Justus Heinrich Wilhelm Meyer und schließlich von1905 bis 1920 Wilhelm Otto Held. Auffällig ist, daß die Dauer der Amtszeit im Laufe der Jahre tendenziell abnimmt: zu Beginn des Jahrhunderts war Pastor Bode 41 Jahre in Weende tätig, sein Nachfolger Ahlborn immer noch ein Vierteljahrhundert, während ab 1869 die Pastoren häufiger wechselten.

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Anschaulich spiegeln die Visitationsberichte auch der Wender Pastoren, die sie ab 1852 regelmäßig zu verfassen hatten, diese Entfremdung zwischen Kirche und Bevölkerung wider. Immer häufiger und immer besorgter ist in den kommenden Jahren die Rede von einer äußerst mangelhaften Teilnahme am kirchlichen Leben, von dem schwindenden Einfluß der Pastoren auf das geistige, sittliche und gesellige Leben der Gemeinde. (Fußnote 11: Vgl. KirchenkreisAGött, Sup. Spez. Wende, 145 und 103, Visitationsberichte der Weender Pastoren seit 1872 bis 1922.) Am sichtbarsten wurde dies sonntags in der Kirche. Vom dürftigen Gottesdienstbesuch berichtete Pastor Kreibohm 1872, und zehn Jahre später wurde auf der Bezirkssynode festgestellt, daß der geringe Kirchenbesuch in Weende sehr drückend auf all-
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gemeine Prozentzahl - sie lag bei 12% - der Kirchenbesucher in der Inspektion wirke, zumal Weende eine große Parochie sei. In Weende nahmen 1892 nicht mehr als 5% der Gemeindemitglieder am Gottesdienst teil. Selbst die Kirchenvorsteher blieben überwiegend fern. (Fußnote 12: Vgl. KirchenkreisAGött, Sup. Spez. 103 und 145, Visitationsberichte 1872, 1892 und 1897 sowie die gedruckten Protokolle der Bezirkssynode der Kircheninspektion Göttingen I.) Aber auch auf anderem Gebiet machte sich bemerkbar, daß der Pastor seine klare und bestimmende Rolle als steuernde und kontrollierende Größe des sozialen Zusammenlebens verlor. So stellte Pastor Kreibohm mit Empörung fest, daß in Weende seit nun schon 14 Jahren ein Kutscher des Klosters mit der Barbierwitwe in einer wilden Ehe lebte. Obwohl ihnen Strafen angedroht worden waren, hatten sie sich nicht zur Heirat bewegen lassen. (Fußnote 13: Vgl. KirchenkreisAGött, Sup. Spez. Weende 145, Visitationsberichte Pastor Kreibohm.)

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