gestern - heute - morgen - Lutz Wernicke

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Bei einer anderen Gelegenheit - schon kurz nach Dienstantritt 1934 - machte er (Dr. Kleineck) sich dafür stark, das damals genutzte Gelände samt Bauten der “Niedersächsischen Möbelfabrik” an der Süntelstraße Nr. 42 (heute u.a. ein Fitness-Studio) der SA zwecks Einrichtung einer Motorschule zu überlassen. (Fußnote 117: “STÜHLE UND MEHR” von Matthias Biester und Klaus Vohn-Fortagne, herausgegeben vom Heimatbund Niedersachsen e.V., Ortsgruppe Bad Münder, Erscheinungsjahr 2000.) Zwar zerschlug sich das Geschäft, da die SA sich schließlich nach Hülsen (?) verzog (Fußnote 118: siehe FN 117) und durch die vom “Führer” veranlaßte Erschießung
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ihres bisherigen Stabschefs Ernst Röhr (Jahrgang 1887) am 30. Juni 1934 ohnehin vorübergehend diskreditiert war (Fußnote 119: “Fragen an die deutsche Geschichte/Ideen, Kräfte, Entscheidungen von 1800 bis zur Gegenwart”, Katalog zur historischen Ausstellung im Reichstagsgebäude in Berlin, 7. Auflage 1981.), doch kaum hatte sich wenig später der Jurist Dr. Friedrich Kreibaum aus dem nahe gelegenen Lauenstein (Fußnote 120: “Geschichte der Stadt BAD MÜNDER” von Karl Piepho, herausgegeben von Wilhelm Oltrogge, Selbstverlag der Stadt Bad Münder/Deister, Dezember 1960.) unter rechtlich äußerst fragwürdigen Bedingungen in den Besitz des Betriebs gebracht dankte er es durch großzügige Spenden an die NSDAP (Fußnote 121: siehe FN 117), so daß Dr. Kleineck sich wegen seiner Unvorsichtigkeit gegenüber der SA keinerlei Sorgen mehr zu machen brauchte.
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Das von den Nazis als “Arisierung” bezeichnete Vorgehen gegen das Eigentum der Juden erfaßt im Sommer 1938 auch das Aktienkapital der Stuhlfabrik Rahlmühle (Fußnote 143: “Die jüdische Bevölkerung in der Stadt Bad Münder” von Siegfried Kranke, veröffentlicht in “Der Söldner”, Ausgabe 1977.) sowie den gesamten Besitz der Niedersächsischen Möbelfabrik an der Süntelstraße Nr. 42 (Fußnote 144: siehe Fußnote 117). Die dabei gehandelten Werte dürften vor Ort leicht eine Größenordnung von 200.000 Reichsmark und mehr erreicht haben, wenngleich die jüdischen Vorbesitzer davon oft nur einen Bruchteil zu sehen bekamen, wenn überhaupt (Fußnote 145: siehe Fußnote 143). Fachleute sprechen ungeniert von “fiskalischer Ausplünderung”, der zum Schein ein “legalistisches Mäntelchen” umgehängt wurde (Fußnote 146: “‹Arisierung› und Restitution”, herausgegeben von Constantin Goscher und Jürgen Lillteicher, Wallstei Verlag, Göttingen 2002.). So fällt auf, daß die “Arisierung” stets akademische Juristen ins Spiel brachte: Dr.jur. Kleineck für die Stadt, Dr.jur. Langhoff für die Rahlmühle und Dr.jur. Kreibaum für sich selbst.
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Diese sieben Menschen jüdischen Glaubens bleiben in den folgenden Monaten weitgehend unbehelligt. Dr. Kleineck hat noch keien neuen Weisungen zur Suspendierung seines Gewissens erhalten. Die christlichen Einwohner jubeln derweil den bei Gott auf den “Führer” vereidigten Soldaten zu: 1. September 1939 Überfall auf Polen, 9. April 1940 Einfall in Dänemark und Norwegen, 10. Mai 1940 Überfall auf Belgien und Hollandm 5. Juni 1940 Einmarsch nach Frankreich, März 1941 Teilnahme an Kämpfen in Nordafrika, 6. April 1941 Beginn des Balkankrieges und am 20. Mai 1941 Landung auf Kreta, wo ja baknntlich gemäß den Brief des Apostels Paulus an seinen Amtskollegen Titus “viel Freche, unütze Schwätzer und Verführer, sonderlich die aus den Juden” wohnen. Gleichzeitig wird das Deckengewölbe der Petri-Pauli-Kirche renoviert und ein neuer holzgeschnitzter Altar aufgestellt. An der Rahlmühle werden Rüstungsgüter für die Wehrmacht hergestellt, Rüstungsaufträge sichern auch NSDAP-Förderer Dr.jur. Kreibaum gute Geschäfte und bei Wibro müssen eigens 13 Heimarbeitskräfte eingesettzt werden, um den Bedarf an stoffbezogenen Holzpantinen für Kriegsgefangene zu decken. […]

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