Die Pogromnacht im Land Braunschweig, Dietrich Kuessner - Ausschnitt

Im Laufe des Abends geht hier und da die Parole um: „Zusammenbleiben — es gibt eine Judenaktion”.

Die Befehlsstränge aus der Zentrale erreichen auch die kleinsten Orte, sogar dort, wo die Feier längst vorbei ist.

Zum Beispiel: Der stellvertretende Kreisgeschäftsführer August Laue ruft um 3 Uhr nachts von Holzminden aus Theodor Kreibaum im Dorf Hehlen an. Kreibaum ist Bürgermeister und Ortsgruppenleiter dieses Dörfchens mit ca. 1000 Einwohnern im westlichen Zipfel des Landes Braunschweig. Kreibaum solle die Juden des Ortes festnehmen und innerhalb einer Stunde nach Holzminden die Vollzugsmeldung durchgeben. Kreibaum, der eine Sattlerwerkstatt führt, weckt seinen Gesellen Anton und schickt ihn zu einigen SA-Leuten. Kreibaum selber ruft zwischen 3 und 4 Uhr den anderen Sattlermeister am Ort, Friedrich Helmer, an, der auch Rottenführer der SA ist und beauftragt ihn, den stellvertretenden Bürgermeister und Stellmachermeister Karl Reese und zwei andere zu wecken. Sie sollten zu ihm kommen. Vor und in der Wohnung von Kreibaum treffen sich nachts 9 Leute, der Sattlermeister, der Stellmachermeister, der Forstaufseher, der Eisenbahnassistent, der kaufm. Angestellte, der Gärtner, der Hauptlehrer und ein Arbeiter. Sie sind alle aus Hehlen, kennen sich gut und auch die jüdische Familie Bach. Sie repräsentieren den gutsituierten Mittel- und Bürgerstand, bekannt für gediegene handwerkliche Arbeit. Allerdings sind einige auch dafür bekannt, daß sie stramm zur Partei stehen. Lehrer Stapel gibt einen streng auf Parteilinie liegenden Schulunterricht. Bürgermeister Kreibaum ist durch seine schroffe antisemitische Haltung der Polizei aufgefallen. Alle 9 sind meist im mittleren Alter, Kreibaum der Rädelsführer ist 43 Jahre, die andern in den 30ern. Sie gehen gemeinsam los, um die beiden jüdischen Familien mit ihren Angestellten zu verhaften und die Geschäfte zu stürmen. 10 m vor dem Haus wird der kaufm. Angestellte Fischer postiert und soll verhindern, daß die Bachs weglaufen. Vor dem Haus angekommen, ruft Kreibaum, Bachs sollten aufmachen. Frau Bach öffnet auch das Fenster, ruft aber die Polizei um Hilfe, und schließt es rasch wieder. Sie machen natürlich nicht auf. Der Forstaufseher gibt mit seinem mitgebrachten Jagdgewehr einen Schreckschuß auf das Fenster ab. Der Versuch mit einer Spitzhacke die Tür aufzubrechen, scheitert. Da schlägt Kreibaum mit einem Brett das Fenster ein und steigt mit anderen durch die Auslagen des Ladens in die Wohnung. Der Gärtner Hoffmeister wird als Wache vor der Ladentür eingeteilt.

Dann erfolgt die widerrechtliche Verhaftung und Festsetzung im Feuerwehrhaus, wie ich das oben schon geschildert habe, der Abtransport durch die SS nach Holzminden und von dort nach Wolfenbüttel und Braunschweig.

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