Eisenbahner Knoke wird in Sarstedt zum Held

[21.09.1996] Sarstedter kommen am 16. Juni 1945 durch explodierenden Munitionszug um

S a r s t e d t . (r) In der heutigen Folge der Sarstedter Polizeichronik steht ein Unglück auf dem Sarstedter Bahnhof im Mittelpunkt: Ein voll beladener Munitionszug explodierte, als gerade ein Personenzug vorbeifuhr. Die bittere Bilanz des Infernos: 32 Tote, 30 zerstörte Waggons, eingestürzte Häuser.

Als amerikanische Soldaten am 7. April 1945 in Sarstedt einrückten, blieben die Einwohner verängstigt in ihren Verstecken. Die Chronik berichtet von Plünderungen durch freigelassene Kriegsgefangene, Fremdarbeiter und Einheimische. Die Bevölkerung war durch die Beschießung eingeschüchtert, mancher Sarstedter verlor die Nerven.

Die amerikanischen Soldaten bezogen Privatquartiere in Sarstedt.

Am 8. April beauftragte die Besatzungsmacht Bürgermeister Niemann, die Amtsgeschäfte vorläufig weiterzuführen. Als Mitarbeiter wurden ihm die Herren Ostmann und Kerkmann zugeteilt. Die Polizeigewalt übernahm Willi Schröder. Er war Betriebsrat der KPD bei den Vosswerken. In den folgenden Tagen wurden Verhandlungen aufgenommen, um weitere Plünderungen zu verhindern.

Mehr als 1000 Sarstedter waren noch nicht aus dem Kriegseinsatz zurückgekehrt.

Mit dem Erscheinen der Amerikaner in Sarstedt war auch in dieser Stadt das Ende des Nationalsozialismus gekommen. Die Amtsträger zogen ihre Uniformen aus und versteckten oder verbrannten sie. Die meisten Amtsträger wurden von der Besatzungsmacht in Haft genommen und mußten mehrere Jahre als Zivilinternierte in Lagern zubringen, bis sie wieder freigelassen und entnazifiziert wurden.

Der letzte Sarstedter Ortsgruppenleiter war den Amerikanern in voller Uniform entgegengegangen und hatte die kampflose Übergabe der Stadt angeboten. Es handelte sich dabei um den Lehrer Fritz Richter.

32 verbrannte und verstümmelte Menschen, 30 zerstörte Eisenbahnwaggons, zerrissene Gleiskörper und hoher Sachschaden an eingestürzten und schwerbeschädigten Wohnhäusern waren die entsetzlichen Folgen, als am 16. Juni 1945 viele tausend Zentner Munition auf dem Bahnhof Sarstedt aus einem abgestellten Zug in die Luft flogen. Der Zug explodierte gerade in dem Augenblick, als auf dem Hauptgleis ein mit Personen besetzter Zug vorbeifuhr, der zerstört wurde und in Brand geriet.

Alle 28 Insassen einschließlich Dienstpersonals fanden den Tod und wurden in einem Massengrab auf dem evangelischen Friedhof in Sarstedt beigesetzt. Der gesamte Sachschaden wurde auf mehrere Millionen Reichsmark geschätzt.

Dem Eisenbahner Knoke und den Beamten des Bahnhofs Sarstedt ist es durch ihr mutiges Eingreifen zu verdanken, daß der Hagel der berstenden Granaten nicht ganz Sarstedt zerstörte. Es gelang ihm, noch einen Teil der mit Munition beladenen Waggons und den Kesselwagen aus dem Gefahrenbereich herauszuziehen und in Sicherheit zu bringen. Ganz Sarstedt mußte vorübergehend evakuiert werden.

Die erste Sitzung der Sarstedter Gemeindevertretung nach dem Kriege und dem Zusammenbruch des dritten Reiches fand am 13. Dezember 1945 statt. Zu dem Stadtparlament gehörten damals die Bürger Heinrich Blume, August Frixen, Fritz Soete, Gustav Lappe, Roland Haustein, Robert K1abes, Willi Alves, Albert Voigt, Emil Wauker, Adolf Mühr, Heinrich Kaune, Jacob Riehl, August Gabel, Friedrich Böllersen, Wilhelm Link, Max Kampe, August Schenkemeyer, Johannes Garre und Wilhelm Wehr. Es war nicht gewählt worden, sondern wurde von der Besatzungsbehörde eingesetzt.

Zum Vorsitzenden der Gemeindevertretung wurde August Gabel gewählt. Erster Beigeordneter war Gustav Lape, zweiter Beigeordneter Friedrich Böllersen.

Im Laufe des Sommers 1945 kamen die Polizeimeister Kurt Fechler, Franz Mach und Polizeioberwachtmeister Dieter Harmening als Verstärkung nach Sarstedt. Gustav Hasselberg war zunächst Leiter der Polizeistation Sarstedt. Am 12. Januar 1946 wurden die Polizeianwärter Gerhard Austelat, Heinz Diesel, Herbert Koch und Hans Willutzki von der Polizeischule Hannover, Welfenplatz, zur Polizeiabteilung Sarstedt versetzt.

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