Fahnenschmuck für heimkehrende Soldaten

[13.07.1996] Polizei-Chronik berichtet von Arbeiterräten und Kartoffelmangel im Steckrübenwinter

S a r s t e d t . (r) Von Hungersnöten im Ersten Weltkrieg und Nachkriegswirren mit Putschversuchen und Notverordnungen berichtet die Polizeichronik. In der heutigen Ausgabe veröffentlicht der “Sarstedter Anzeiger” Auszüge aus den Jahren 1915 bis 1922.

Nach einer schlechten Ernte kam es im Jahr 1915 in Sarstedt zu einem außerordentlichen Kartoffelmangel. Daher mußte die Stadt die Kartoffeltagesration auf ein dreiviertel Pfund herabsetzen. Als Ersatz für Kartoffeln gab sie Steckrüben aus. Für die Verfütterung von Steckrüben an Vieh verhängte sie in diesen Jahren schwere Strafen.

Der Steckrübenwinter 1916/17 brachte wegen der mangelhaften und fettarmen Ernährung viele Krankheiten mit sich. Fleisch gab es nicht, dafür wurde Klippfisch ausgegeben.

Explosion in Vosswerken

Am 4. Juli 1917 kam es in den Vosswerken zu einer Explosion. Anfang 1918 wurde Gendarmeriewachtmeister Hartmann in Sarstedt bei einer Hausdurchsuchung erschlagen. Die Polizei fand seine Leiche verscharrt in einer Kiesgrube. Als Mörder überführte sie den Schlosser Heinrich Alves. Er wurde vom Hildesheimer Schwurgericht zu acht Jahren und acht Monaten Zuchthaus verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihm für zehn Jahre aberkannt.

Am 9. November 1918 verzichtete Wilhelm II. auf den Thron. Der Exkaiser begab sich nach Holland. Es begannen Waffenstillstandsverhandlungen, die am 11. November unterzeichnet wurden. In Deutschland brach die Revolution aus. Eine neue Regierung wurde gebildet, in vielen Städten wurden Soldatenräte gegründet.

Die Gremien der Stadt Sarstedt hielten eine Sondersitzung ab. Sie beschlossen, Vertreter aus der Arbeiterschaft zu allen städtischen Angelegenheiten hinzuzuziehen. Der in Sarstedt gebildete Arbeiter- und Soldatenrat erließ eine neue Ordnungsgewalt. Sie umfaßte zehn Punkte. Gleichzeitig forderte er die Bevölkerung auf, die heimkehrenden deutschen Truppen mit Flaggenschmuck zu empfangen.

Am 25. November 1918 erließ auch der Magistrat einen Aufruf an die Bevölkerung, die Truppen bei ihrer Heimkehr von der Westfront festlich zu empfangen und die Häuser mit Fahnen zu schmücken. Unterzeichnet war der Aufruf von Bürgermeister Jacobi und vom Arbeiter- und Soldatenrat.

In der Straßenbahn von Hannover nach Hildesheim nahm die Sarstedter Polizei Schiebern zwei Zentner Weizenmehl und 70 Pfund Wurst ab. Das Schieberwesen war im Jahr 1920 in der Gegend besonders stark verbreitet.

Im Juli 1920 wurde die Bezeichnung “Gendarm” amtlich in “Landjäger” umbenannt.

Den am 15. März 1920 ausgebrochenen Kapp-Putsch beantwortete die Arbeiterschaft mit einem Generalstreik. Das bedeutete schon nach fünf Tagen das Ende für den Putsch. Nun durfte sich nach einer neuen Anordnung nach 10 Uhr abends kein Sarstedter mehr auf den Straßen aufhalten.

Sarstedter demonstrieren

Die Sarstedter Nebe und Herbecke gerieten, als sie für die Sarstedter Einwohnerwehr Waffen aus Hildesheim holen wollten, unterwegs in ein Feuergefecht der Reichswehr. Herbecke wurde vorübergehend festgehalten.

Im September 1920 demonstrierte die Bevölkerung Sarstedts gegen die Ermordung Erzbergers. Im Demonstrationszug sich Schilder mit der Aufschrift “Nieder mit den Schiebern”. Auf der alten Schützenwiese stellten sie einen Galgen auf mit der Aufschrift “Für Schieber und Meuchelmörder”.

1922 wurde eine Notverordnung erlassen , die Devisenspekulationen entgegenwirken sollten. Der Magistrat ergriff Notstandsmaßnahmen, um das Los der immer zahlreicher werdenden Flüchtlinge zu mildern. Die Industrie spendete Geld, Kohle und Nahrungsmitteln.

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