1890 erste gewerkschaftliche Betätigung in Sarstedt

[01.06.1996] Teil neun der Sarstedter Polizei-Chronik: 1892 großes Feuer in der Lumpensortieranstalt in der Eulenstraße

S a r s t e d t . (r) Mit den Jahren von 1890 bis 1893 setzt der Sarstedter Anzeiger seine Serie mit Auszügen aus der örtlichen Polizei-Chronik fort.

Die Dreschmaschinen-Garde half seinerzeit den Bauern von Sarstedt und Umgebung in Walterings Mühle beim Dreschen. Die Dreschmaschine war zur Erntezeit täglich in Betrieb. Die Bauern, die hier ihr Getreide droschen, entrichteten beim Eigentümer der Maschine ihren Obolus; mit den Frauen, die beim Dreschen halfen, mußten die Bauern persönlich abrechnen. Es waren jahrelang dieselben, die ein robustes Gespann bildeten: die Oppermännsche, die Jürgenssche, die Fettesche, die Schnusesche und die Reckebeilsche.

Sie hatten das Kommando; ihnen mußten sich alle fügen, die zum Dreschen nach Sarstedt kamen. Sie arbeiteten von früh bis spät an der Maschine, fleißig unermüdlich - “zähe Robusters”. Und wenn die Erntezeit vorbei war, wenn nur noch ab und zu das Gesumm der Dreschmaschine erklang, standen sie wohl mal an der Innerste-Brücke oder an der Ecke Neustadt und klönten ihrer fünfe zusammen. Wenn dann Ratswachtmeister Krome des Weges kam und sah die fünf beisammenstehn und traschen, weil gerade nicht maschint wurde, pflegte er in barschem Ton zu schelten: “Jei hebbet woll nix to daane, scheret jück an’n Kochpott!”

Aber die Drescherinnen waren beileibe nicht auf den Mund gefallen und gaben es ihm deftig zurück. So entstand manches lustige und originelle Streitgespräch. Der Aberglauben war damals noch weit verbreitet. Hier tat sich der Ratswachtmeister Krome beim Erzählen schauriger Geschichten immer besonders hervor.

Die zwölf Nächte vom ersten Weihnachtstag bis zum 6. Januar waren die Geister- und Totenzeit. Dann jagte der wilde Jäger durch die Lüfte.

Keine Hausfrau durfte die Wäsche haben oder gar die gewaschenen Stücke zum Trocknen auf die Leine hängen. Es würde ihrer Familie im kommenden Jahr Unglück bringen.

Zu vermerken ist, daß 1890 zum ersten Male eine gewerkschaftliche Betätigung in Sarstedt festzustellen war.

Von auswärts zugezogene Arbeiter legten den Grundstock für diese Gewerkschaftsbewegung. Man tat sich aber recht schwer, denn alle politischen und gewerkschaftlichen Versammlungen wurden polizeilich streng überwacht.

Ende 1892 bracht in der Lumpensortieranstalt von Tischbein in der Eulenstraße ein großes Feuer aus. Zwölf Sortiererinnen konnten erst im letzten Augenblick fast unbekleidet aus den brennenden Räumen gerettet werden.

Bei der Reichstagswahl am 15. Juni 1893 wurden in Sarstedt von 598 Wahlberechtigten 509 Stimmen abgegeben. Davon erhielten die Nationalliberalen 152, Welfen und Zentrum 106, Sozialdemokraten 192 Stimmen. Der Rest entfiel auf Splitterparteien. Damit war erstmalig seit Bestehen die SPD die in Sarstedt am stärksten vertretene Partei.

Der Landrat gestattete dem Zimmermeister Lüke am 25. Juli 1893 an der Innerste bei Sarstedt einen Ankleideraum für Badegäste zu erbauen. Der Ho1zbau mußte jeden Winter wieder aus dem Überschwemmungsgebiet entfernt werden. Mit dieser Badekabine wurde in Sarstedt der Anfang des Freibades gemacht. Auf die ordnungsgemäße Badekleidung wurde polizeilicherseits streng geachtet.

Die städtischen Kollegien beschlossen und erließen am 20. November 1893 ein Ortsstatut über die Straßenreinigung, wonach jeder Hausbesitzer verpflichtet war, wöchentlich zweimal mittwochs und sonnabends, die Straßen zu kehren.

Nordhäuser Kornbranntwein wurde im Jahre 1893 von Sarstedter Geschäften gleich gebindeweise mit neun bis 20 Litern Inhalt angeboten. Der Preis pro Liter betrug 63 Pfennig, der Schnapsverbrauch war in Sarstedt neben dem Volksgetränk Bier, das in eigener städtischer Brauerei hergestellt wurde, ganz erheblich.

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