Unwetter, Hochwasser und Explosion im Kali-Schacht

[22.6.1996] Polizeichronik erzählt dunkle Kapitel Stadtgeschichte

S a r s t e d t. (r) Die Ladenschlußzeit war in Sarstedt schon 1911 Thema: Sie wurde auf einheitlich 20 Uhr festgelegt, bis dahin hatten die Bürger auch später noch einkaufen können. Unwetter und mehrere Bergwerksunglücke prägen die Zeit von 1904 bis 1912, wie in der heutigen Folge der Polizeichronik nachzulesen ist:

Am 13. Juli 1904 wurde eine Polizeiverordnung über das Meldewesen erlassen. Im Jahre 1904 wurden alle Arbeiter, die gewerkschaftlich organisiert waren, oder von denen bekannt war, daß sie Mitglied der SPD waren, auf die schwarze Liste gesetzt und bei passender Gelegenheit als erste entlassen.

Am 20. November 1905 wurde eine Polizeiverordnung erlassen, wonach der Wohnungswechsel innerhalb der Stadtgemeinde Sarstedt meldepflichtig ist. Die Unterlassung dieser Meldung wurde mit Geldstrafen bis zu 9 Mark geahndet.

Die Belegschaft der Voss’schen Herdfabrik wurde wegen Teilstreiks und Lohnforderungen ausgesperrt. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung wurden fünf Gendarmen nach Sarstedt kommandiert.

In dem Teufen befindlichen Sarstedter Kalischacht ereignete sich im Laufe des Jahres 1908 eine ungewöhnlich große Anzahl von tödlich verlaufenen Unfällen, die zu schweren Anklagen gegen die Werksleitung führten. Ein Gewerkschaftssekretär, der die Anklagen in einer öffentlichen Arbeiterversammlung wiederholte, mußte sich vor Gericht verantworten und wurde verurteilt.

Die Zigeunerplage wurde immer größer. Viele Wagen mit raublustigen Zigeunern standen tagelang zwischen den Ostertor-Scheunen. Die Zigeuner mußten von der Polizei zwangsweise über die Kreisgrenze abgeschoben werden.

Der Käsewarenfabrikant J. Preuße stürzte aus dem Fenster der zweiten Etage seines Wohnhauses. Er war sofort tot.

Am 16. Juni 1909 wurde Straßenbahnschaffner Friedrich Krull aus Hannover bei der Stephanus’schen Ziegelei in Sarstedt im Dienst tödlich überfahren.

Der Magistrat veröffentlichte eine Polizeiverordnung des Regierungspräsidenten über das Verfahren beim Schlachten von Tieren. Am 14. März 1910 verbot der Magistrat durch Bekanntmachung in der Sarstedter Zeitung beim Pflügen das Wenden auf den Straßen und Feldwegen. Übertretungen wurden bestraft.

Der heiße und gewitterreiche Sommer 1910 erreichte seinen Höhepunkt mit einer Unwetter-Katastrophe am 20. Juli. Der heftige Sturm, der dem Gewitter vorausging, richtete sehr großen Schaden an. Zwischen Hannover und Sarstedt waren fast sämtliche Telefonmasten umgeweht.

Vom 4. bis 8. August 1910 führte die Innerste Hochwasser und überschwemmte die Ländereien und einen Teil der Häuser.

Am 18. Oktober 1910 ereignete sich im Untertagebereich des Kaliwerks Siegfried-Giesen eine Dynamit-Explosion, bei der 18 Bergleute den Tod fanden.

Italienische Arbeiter trafen in Sarstedt ein und wurden von der Lübbing’schen Ziegelei eingestellt. Ihr Meister und Landsmann ertrank im Sommer 1911 beim Baden in der Leine.

Der lutherische Kirchenvorstand beschloß die Abschaffung der Selbstmörderecke und die Beerdigung in der Reihe. Die Ladenschlußzeit wurde in Sarstedt einheitlich auf 8 Uhr abends festgesetzt. Bislang waren die Geschäfte noch länger geöffnet gewesen.

Die Polizeiarbeit war immer umfangreicher und schwieriger geworden, so daß der Magistrat dem Ratswachtmeister Krome Anfang 1912 einen zweiten Wachtmeister namens Goßler zur Seite stellte.

Im März 1912 wurde den Ratswachtmeistern Krome und Goßler vom Herren Regierungspräsidenten die Amtsbezeichnung “Polizei-Sergeant” verliehen.

In der Zeit überflogen ein Zeppelin-Militär-Luftschiff und die drei Passagierflugschiffe “Schwaben”, “Hansa” und “Königin Luise” die Stadt Sarstedt.

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