Kinder vor der Ehe: Magistrat verbot die Hochzeit

[27.4.1996] Die Chronik der Sarstedter Polizei im “Sarstedter Anzeiger”: Heute Teil 4

Sarstedt. (r)Der “Sarstedter Anzeiger” setzt heute seine Serie mit Auszügen aus der Chronik der Sarstedter Polizei fort. Die Aufzeichnungen stammt nach den Vermutungen von Polizeichef Günter Frickmann aus der Feder der früheren “Kreisanzeiger” -Redakteurin Margarete Schaper.

Der Nachfolger des Heinrich Tölke wurde am 20. November 1856 der Nachtwächter Conrad Oppermann. Er mußte folgenden Diensteid ablegen: “Ich gelobe, daß ich in den mir übertragenen Nachtwächterdienst getreu und fleißig erweisen, die bestimmten Stunden des Nachts die Straßen durchgehen werde und die Zeit nach Vorschrift verkünden, auch mich vor und bei Ausübung des Dienstes aller berauschenden Getränke, insbesondere des Branntweins enthalten, auch nächtliche Diebereien und Unordnungen sowie auf verdächtige Leute aufmerksam sein und dieses alles anzeigen, bei Feuergefahr sofort die Nachbarn wach machen und den Ratsherrn und die Feueraufseher davon benachrichtigen, auch wenn ich nach 11 Uhr abends noch Türen, Pforten und Torwege offen finde, solches dem Hauswirt oder dessen Gesinde anzeigen und überhaupt alle mit dem Dienst verbundenen Geschäfte so verrichten will, wie es einem ordentlichen Nachtwächter gebührt.”

Gesetzübertretungen wurden zu der Zeit streng geahndet. So lehnte das königliche Amt Ruthe am 6. April 1857 ein Gesuch des Schlossergesellen Heinrich Nötel zu Sarstedt zwecks Zulassung zur Meisterprüfung mit der Begründung ab, daß er mehrfach wegen krimineller Vergehen vorbestraft und immer wieder rückfällig geworden sei.

Etwa im November 1857 waren dann die ersten Versuche der Arbeiterschaft festzustellen, sich politisch zu organisieren.

Diese Unternehmungen wurden aber strengstens unterdrückt und alle Versammlungen und Veranstaltungen polizeilich überwacht.

Noch 1858 war jede Eheschließung von der Bewilligung eines Heiratsscheines und der Gewinnung des Bürgerrechts abhängig. Waren diese Voraussetzungen nicht erfüllt, wurde keine Traugenehmigung erteilt. Der Bräutigam mußte außerdem mindestens 25 Jahre alt sein und nachweisen können, daß er unbescholten war und eine Familie ernähren konnte. In vielen Fällen mußte die Heiratserlaubnis wegen Nichterfüllung der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen versagt werden.

Am 23. September herrschte reges Leben in den Straßen der Stadt Sarstedt. Fünf Tage lang waren 758 Offiziere und Soldaten mit 17 Pferden hier einquartiert. Die Quartiere waren schon vorher ausgemacht und die betroffenen Bürger in einer sogenannten Einquartierungsrolle erfaßt.

Bei den Offizieren und Soldaten handelte es sich um das Grenadier-Garde-Bataillon der Großherzoglichen Mecklenburgischen Infanterie.

Brot, Fleisch, Fourage und Branntwein wurden für die Truppen aus dem Magazin in Nordstemmen empfangen und abgeholt. Es herrschte eine strenge Disziplin vor, so daß Übergriffe mit nachfolgendem polizeilichen Tätigwerden nicht bekannt wurden.

Ende 1858 erhielt ganz Sarstedt neue Hausnummern-Schilder. Gemäß Verfügung des königlichen Amtes Ruthe vom 23. Dezember 1858 hatte der Magistrat eine neue Häuserliste von Sarstedt aufzustellen. Die Hausbesitzer waren verpflichtet, bei Vermeidung fünf Talern Strafe innerhalb von vier Wochen Blechschilder mit den neuen Hausnummem vor ihren Haustüren anzubringen. Die Bürger folgten dieser Verfügung umgehend, so daß polizeilicherseits kein Grund zur Anzeigenerstattung gegeben war.

Am 3. Juni 1859 schlug bei einem Gewitter ein Blitz in das Hauptgebäude des Bahnhofs Sarstedt ein, wobei erheblicher Sachschaden entstand.

Auch der sogenannte liederliche Lebenswandel wurde in der sehr ehrpusseligen Zeit scharf unter die Lupe genommen. So lehnte der Magistrat der Stadt Sarstedt am 28. Februar 1860 die nachgesuchte Heiratsgenehmigung des Dienstknechtes Heinrich Immendorf mit der Begründung eines zu reichen Kindersegens ab. Seine Braut hatte schon vor der Verheiratung zwei Kinder und erwartete das dritte.

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