500 Sarstedter zogen mitten aus der Ernte in den Krieg

[29.06.1996] Mobilmachungs-Order kam am 1. August 1914

S a r s t e d t. (r) Gravierende Folgen für das beschauliche Leben in Sarstedt hatte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. In der heutigen Folge der Auszüge aus der Polizei-Chronik ist nachzulesen, wie sich Mobilmachung und Kriegsbeginn für die Bevölkerung auswirkten.

Auch 1913 hatte man noch recht eigenartige Vorstellungen von Recht und Ordnung. So wurde ein hiesiger Schlosserlehrling vom Schöffengericht mit zwei Strafbefehlen über sechs und neun Mark belegt, weil er zwei Lehrer der Fortbildungsschule nicht gegrüßt hatte.

Minderjährige durften damals nur dann Arbeit bekommen, wenn sie ein amtliches Arbeitsbuch hatten. Das Arbeitsbuch wurde von der Polizeibehörde des letzten Wohnortes innerhalb des Deutschen Reiches kosten- und stempelfrei ausgefertigt, im übrigen von der Polizeibehörde des zuerst erwählten Arbeitsortes.

Die Sarstedter Gendarmen machten sich stets viel Mühe und trieben vor Ausstellung des Buches intensive Ermittlungen über den Leumund des Betroffenen. Schuldige Arbeiter gefährdeten nämlich den Ruf einer Stadt.

Als am 28. Juni 1914 die folgenschweren Schüsse von Sarajewo fielen, feierte man in Sarstedt gerade als Abschluß des Schützenfestes das sogenannte Hirschschießen. Das Leben nahm seinen üblichen Gang und niemand dachte an Krieg. Doch als die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares bekannt geworden war, herrschte auch in Sarstedt allgemein die Ansicht vor, daß diese Mordtat zum Kriege führen müsse.

Am 31. Juli 1914 wurde dann auch in Deutschland der Kriegszustand erklärt. Die Erklärung des Kriegszustandes wurde in Sarstedt durch den damals noch im Dienst befindlichen Ausrufer an verschiedenen Stellen auf den Straßen und Plätzen verlesen. Mit der Klingel in der Hand wurden von diesem Ausrufer auch Befehle des kommandierenden General des X. Armeekorps, von Emmich, bekanntgegeben, wodurch die gesamte vollziehende Gewalt auf die Militärbehörde überging. Auch wurde eine Bekanntmachung über die Schließung von Kriegstrauungen erlassen , womit eine Befreiung von Aufgeboten bei Eheschließungen verbunden war. Von jetzt ab wurden in Sarstedt zahlreiche Kriegstrauungen vorgenommen.

Dann kam am 1. August 1914 die Mobilmachungsorder. Sie wurde nachmittags 5 Uhr bekanntgegeben. Vorher schon dazu bestimmte Männer aus Sarstedt mußten die diesbezüglichen Telegramme vom Postamt Sarstedt aus den verschiedenen Gemeindevorstehern auf den umliegenden Dörfern auf dem schnellsten Wege zustellen.

Erster Mobilmachungstag war der 2. August 1914. Die Nachricht wurde mit tiefster Bestürzung und großem Ernst, aber auch mit heller, vaterländischer Begeisterung aufgenommen.

Wir befanden uns gerade mitten in der Ernte. Das Getreide stand auf den Feldern in Stiegen. Nun aber mußten plötzlich alle wehrfähigen Männer zu den Waffen greifen. Noch am Abend des 1. August verließen schon die ersten Reservisten unsere Stadt, um sich bei ihren Truppenteilen zu stellen.

Der damalige Bürgermeister, der im Alter von 50 Jahren stand, stellte sich Reserveoffizier sofort dem X. Armeekorps zur Verfügung. Bis zum Kriegsende blieb Hauptmann Jacobi unter den Fahnen. Während dieser Zeit war Senator Karl Neuberg sein Vertreter.

Über 500 Sarstedter Männer wurden insgesamt einberufen, und 120 davon sahen ihre Heimatstadt nicht wieder; sie fielen auf dem Schlachtfelde. In den Schulen mußten die Klassen zusammengelegt werden, weil die Lehrkräfte fehlten. In allen Berufen mußten die Frauen mit zur Arbeitsleistung herangezogen werden.

Während der ersten Kriegstage trat in Sarstedt ein empfindlicher Mangel an Klein- und Wechselgeld ein. Alle Einwohner hatten schnell noch größere Einkäufe getätigt. Sie fürchteten eine Warenverknappung und -verteuerung, aber noch waren alle Läden berstend voll mit Waren und Lebensmitteln aller Art. Die Behörde dachte deswegen auch noch nicht an Zwangsrationierung. Die kam erst viel später im Verlauf des Krieges und auch dann nur nach und nach.

Zurück: Unwetter, Hochwasser und Explosion im Kali-Schacht
Weiter: Hunger, Not und Tollwutgefahr