Nazis verlegen Ämter und Firmen nach Sarstedt

[07.09.1996] Das Geschehen zu Beginn der 40er Jahre aus der Sicht des Chronisten der Polizei

S a r s t e d t . (r) Der Beginn der 40er Jahre: Die Nazis verlegen unter strenger Geheimhaltung Behörden und Firmen aus Hannover in das Stadtgebiet, die Luftangriffe nehmen zu. Immer mehr auswärtige Menschen, die der Krieg heimatlos gemacht hat, ziehen nach Sarstedt. Doch nicht alle Einwohner nehmen die Flüchtlinge mit offenen Armen auf, es kommt zu Konflikten. Details schildert die Polizei-Chronik:

Im Zuge der vom Gauleiter angeordneten Verlagerung von Behörden und Firmen auf Land wurden von Hannover nach Sarstedt folgende Behörden und Firmen umgesiedelt:

Landesforstamt mit Baracken an den Kipphutweg; Gauleitung und Gaubefehlsstand an den Kipphut und in die Villa Steinberg; Gaufilmestelle in das Haus Schnabel in der Holztorstraße, das Büro in das Cafe Meyer; Bauhof Südhannover-Braunschweig mit Barackenteilen in die Moorberg-Ziegelei; Schuhgroßhandel Naujoks Hannover mit etwa 70 000 Paar Schuhen, die in Kisten verpackt wurden, in eine Halle der Firma Sundermann (kleiner Saal) in der Schliekumer Straße, in den kleinen Saal der Firma Gundelach, zum Schlachtermeister Reinecke in der Steinstraße 20, in das katholisches Pfarramt (Scheune) und in die Moorberg-Ziegelei.

Außerdem zogen von Hannover nach Sarstedt um: Aegidien-Apotheke und Volksfürsorge in das Bahnhofshotel Paulmann; Apotheker Palandt zu Möbel-Steinwede; Sattlerwerkstatt Hölzel in die Tischlerwerkstatt von Konrad&Fleige, Hut-Göbelhoff mit großem Hutlager in ein städtischen Haus in der Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße; Vosswerke-Verpflegung für Ausländer in den Vereinshaus im Giebelstieg sowie Gummi-Hansen aus Textilien und Gummiwaren in den kleinen Saal von Wullekopf.

Endlich wurden noch zehn Ladungen Möbel für Ausgebombte nach Sarstedt geschafft und in der Turnhalle Weberstraße untergestellt.

Die ganze Verlagerungsaktion ging völlig geheim und unter scharfer polizeilicher Überwachung und nur nachts vor sich, um die Läger vor Plünderungen zu schützen, was auch bis zum Kriegsschluß gelungen ist.

Sarstedt stand im Zeichen des “totalen Krieges”. Es waren fast keine Männer mehr in der Heimat. Nur noch ganz wenige UK.-Gestellte (unabkömmlich, Anmerkung der Redaktion) in kriegswichtigen Betrieben, wie den Vosswerken, waren von der Militärdienstpflicht befreit.

Alle Frauen waren durch das Arbeitsamt zu Kriegsbeschäftigungen herangezogen worden. Die Zahl der Ausländer beiderlei Geschlechts, die durch die Hitler-Regierung aus allen europäischen Ländern zur Arbeitsleistung für deutsche Kriegszwecke herangezogen wurden, wurde auch in Sarstedt immer größer. Von acht Einwohnern war einer Ausländer.

Die Luftalarme und Fliegerangriffe wurden immer häufiger. Zum Schutze der Bevölkerung wurden in den verschiedenen Teilen der Stadt 21 öffentliche und 36 private Deckungsgräben angelegt; im Bau waren ferner noch 15 öffentliche und zwei private Deckungsgräben, ferner zwei Bunkerbauten. In der Materialbeschaffung bestanden große Schwierigkeiten. Holz war überhaupt nicht zu haben.

Die laufende Unterbringung von Bombengeschädigten in Sarstedt, deren Zahl mit der Zunahme der Heftigkeit des Luftkrieges immer umfangreicher wurde, machte den hiesigen Dienststellen große Schwierigkeiten. Infolge allgemeiner Nervosität der Bevölkerung, hervorgerufen durch die Aufregungen der ständigen Luftalarme, traten Spannung, Reibungen und Auseinandersetzungen unter der eng zusammenrückenden Bevölkerung - besonders um die gemeinsamen Kochstellen auf.

Eine ständige polizeiliche Überwachung wurde notwendig.

Für die in Sarstedt tätigen Arbeitsmaiden wurde eine Wohnbaracke errichtet. Nach vielen verworfenen Plänen fand die Baracke in dem Park der Villa Steinberg einen schönen Platz.

Personen, die sich dem Arbeitseinsatz zu entziehen versuchten, wurden polizeilich überwacht und erfaßt.

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