Eine Million Mark für die Ergreifung von Obstdieben

[20.07.1996] Streiks und Demonstration gegen Lebensmittelknappheit während der Inflationszeit

S a r s t e d t . (r) Inflation und Lebensmittelknappheit, Überschwemmungen und tödliche Unglücksfälle schildert die Chronik der Sarstedter Polizei in den zwanziger Jahren - aber auch die Austragung des ersten Gausportfestes in Sarstedt mit 1700 Teilnehmern und den Bau der neuen Eisenbahnbrücke über die Innerste.

Der Tauschhandel kam als Folge der Inflation immer mehr zur Blüte.

Wegen der in Sarstedt herrschenden Lebensmittelknappheit und des besonders starken Fettmangels kam es im August 1923 zu vorübergehender Arbeitsniederlegung und zu einem Demonstrationszug, an dem sich alle Arbeiter der Vosswerke und des Kaliwerks “Glückauf” beteiligten. Eine Kommission erhielt von der Polizei die Erlaubnis, in allen Geschäften die Warenbestände zu überprüfen.

Für die Ermittlung von Obstdieben an den Landstraßen setzte die Kreisverwaltung eine Belohnung von eine Million Mark aus.

Der 21jährige Hermann Müller aus Sarstedt fiel mit seiner Braut vom Geländer der Ruther Leinebrücke hinunter in den Fluß. Beide ertranken.

Anfang 1924 wurden nach Ende der Inflation die städtischen Gebühren und Beiträge auf Goldmark umgestellt.

Am 1. Mai 1924 wurde der Polizei-Sergeant Hermann Krome in den Ruhestand versetzt. Kurze Zeit danach beschließen die städtischen Kollegien, ein Landjägerdoppelhaus zu errichten und dafür einen Bauplatz anzukaufen.

Die Beschädigung der Straßenlampen durch Jugendliche hatte einen solchen Umfang angenommen, daß die ganze Straßenbeleuchtung und die öffentliche Sicherheit gefährdet waren. Das Gaswerk setzte für die Ermittlung der Täter eine Belohnung aus.

Die Polizeistunde wurde auf 12 Uhr nachts festgesetzt.

Nach der Pensionierung des alten Ratswachtmeisters Krome wurde ein neuer Landgendarm in Sarstedt eingeführt. Er hieß Heinrich von Behren und war sehr vornehm. Die Bürger hatten früher immer gesagt: “Use Jandarm kimmt.” Das war bei dem vornehmen Herrn von Behren nicht mehr der Fall. Vielmehr sagten die Bürger jetzt: “De Graf stakelt uppe Straten hen, aver bange maken gelt nich, wenn ok dei Dübel sülvest kum.”

Aber auch der Herr Polizeihauptwachtmeister Heinrich von Behren gewöhnte sich an die “Sastieschen Börgers” und lebte sich schnell ein.

Leider starb er schon am 12. März 1933 im 48. Lebensjahr. Er wurde mit allen Ehren auf dem hiesigen evangelisch-lutherischen Friedhof beerdigt.

Mit Herrn von Behrendt kam auch der Gendarm Hasselberg nach Sarstedt. Er kam aus dem Oberschlesischen und wurde wegen seiner eigenartigen Mundart schnell bekannt. Man nannte ihn nur den “Pironje aus Oberdrobba”, wo die Pilzer wachser mit der langer Stieler.

Die Eisenbahnbrücke über die Innerste wurde zu der Zeit neu gebaut und der Verkehr eingleisig durch die Baustelle geleitet. Jedesmal wenn ein Zug kam, wurde laut getutet. Viele Bürgerbeschwerden gingen seinerzeit bei der Polizei ein.

Am 6. und 7. Juni 1925 fand das erste Gauturnfest des Weser-Leine-Gaues der Deutschen Turner in Sarstedt statt. Der Festzug zählte 1700 Turner mit 70 Fahnen und vier Musikkapellen. Es herrschte reges Leben in der Stadt und die Polizei hatte alle Hände voll zu tun.

Dramatisch verlief der 16. Dezember 1925. Der Leiter der Tierklinik Sarstedt, Dr. H. Dun, verunglückte mit seinem Kraftwagen und wurde tödlich verletzt.

Das neue Jahr begann mit einer Hochwasser-Katastrophe. Das Wasser drang nicht nur in die Keller und Stallungen ein, sondern strömte auf verschiedenen Straßen der Stadt auch in die Wohnungen, die drei Tage unter Wasser standen. Auch die Wintersaaten erlitten schweren Schaden.

Der Magistrat erließ ein Ortsstatut und eine Polizeiverordnung über die Müllabfuhr in der Stadt Sarstedt, mit der am 1. Februar 1926 begonnen wurde.

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