Presse im Würgegriff: Nazis verbieten Zeitung

[31.8.1996] Die Polizei-Chronik im “Sarstedter Anzeiger” - heute die Jahre 1939 bis 1942

S a r s t e d t . (r) Neue Folge der Polizei-Chronik im “Sarstedter Anzeiger”: Heute schildert der Chronist die Jahre 1939 bis 1942. Die Nationalsozialisten enteignen die Sarstedter Juden und verbieten die “Sarstedter Zeitung” englische Flugzeuge werfen über der Stadt Bomben ab. Was sonst geschah:

Die Einhaltung der Verdunkelungsmaßnahmen wurden polizeilich streng überwacht. Noch im September 1939 gelangten 30 Einwohner wegen ungenügender Verdunkelung zur Anzeige.

Ende 1939 bauten die Sarstedter Vosswerke für die NS-Volkswohlfahrt in Berlin die größte Gemeinschaftsküche der Welt, die täglich für 30 000 Menschen warmes Essen zubereiten kann.

Die Verwaltungsarbeit der Stadtgemeinde bezog sich im Jahre 1940 vorwiegend auf die Kriegswirtschaft. An erster Stelle stand die Betreuung der Soldatenfrauen und die damit verbundene Familienunterhalts-Zahlung. Zahlreiche Kriegstrauungen wurden vorgenommen und ebenso viele Anträge auf Ehestandsdarlehen gestellt.

Von besonderer Bedeutung war die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmittelkarten, Urlauberkarten und Reisemarken. Noch wichtiger war die Wehrerfassung. Viel Arbeit machten auch Kleiderkarten- und Bezugsscheinausgabe. Rund 1 000 Hausschlachtungsanträge mußten bearbeitet und genehmigt werden.

Neben diesen durch den Krieg verursachten Mehrarbeiten liefen die üblichen Verwaltungs- und Kassenarbeiten sowie die nicht geringen Aufgaben im Sicherheits- und Hilfsdienst. Die Einwohnerschaft selber brachte große Opfer für den Krieg. Sie spendete rund 20 000 Reichsmark für das Rote Kreuz und für das Winterhilfswerk.

Im zweiten Halbjahr 1940 war in Sarstedt sehr oft Fliegeralarm. Englische Flugzeuge flogen ein und warfen Bomben. Dadurch war die Bevölkerung gezwungen, manche Nacht das warme Bett mit den kalten Kellerräumen zu vertauschen.

Im einzelnen meldete der Chronist: Die Polizeistunde wurde von 24 Uhr vorverlegt. Für Jugendliche ein Tanzverbot erlassen.

Im August 1940 wurde in Sarstedt mit der Ausgabe von Gasmasken begonnen, die jeder Träger selbst bezahlen mußte und die nie in benutzt werden brauchten. Die Sarstedter Feuerwehr mußte zu den Löscharbeiten des Haseder Mühlenbrandes herangezogen werden. Die Große Mühle der Gebrüder Engelke in Hasede brannte völlig nieder.

Am 2. Mai 1941 brannte auf dem Hinze’schen Hof die mit Emtevorräten gefüllte Scheune vollständig ab. Die übrigen Gebäude des Hofes konnten gerettet werden. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben, daß ein vierjähriges Kind mit Streichhölzern gespielt und die Scheune in Brand gesteckt hatte.

Der Landwirt Ferdinand Leiffert wurde von seinem eigenen Gespann tödlich überfahren.

Die Sarstedter Zeitung mußte ab 1. Juni 1941 auf Anordnung des Reichspropaganda-Ministers Goebbels ihr Erscheinen einstellen.

Die Stadt ließ die Sarstedter Juden in Zusammenarbeit mit der Gestapo aus ihrem Eigentum heraussetzen und in einer Baracke unterbringen. Das bisherige jüdische Besitztum nahmen Stadt und Partei in Benutzung.

Ab November 1942 wurden Verdunkelungssünder mit Stromentzug bestraft.

Zu Weihnachten 1942 erhielten alle Normalverbraucher folgende Sonderzulagen: 500 Gramm Weizenmehl, 200 g 125 g Butter, 62,5 g Käse, 250 g Zucker 125 g Hülsenfrüchte, 125 g Zuckerwaren, 50 g Bohnenkaffee und eine Flasche Trinkbranntwein. Schwerarbeiter erhielten darüber hinaus je eine Flasche Wein.

Das Polenlager sollte 1943 nach einem Beschluß des Gemeinderates öfters polizeilich revidiert werden.

Es wurde darüber Klage geführt, daß die Polen im Lager noch nach 22 Uhr Licht brennen ließen.

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