Schwarze Blattern

[11.05.1996] Sechster Teil der Polizei-Chronik aus den Jahren 1867 bis 1873: Sonntagsarbeit, Frankreich-Krieg und Pocken-Epidemie

S a r s t e d t. (r)Einblick in das Leben früherer Generationen gibt die Polizei-Chronik, die der Leiter des Kommissariats Sarstedt, Günter Frickmann, dem Sarstedter Anzeiger zur Verfügung gestellt hat, Zusammengestellt wurde das heimatgeschichtliche Dokument vermutlich in den 60er Jahren von Redakteurin Margarete Schaper aus Hotteln.

Am 12. August 1867 wurde dem Zündholzfabrikanten Franz Nülsen die polizeiliche Genehmigung zum Bau einer Streichholzfabrik erteilt. Es ist nicht mehr ersichtlich, von welcher Polizei die Genehmigung erteilt wurde.

Am 3. Dezember 1867 beklagte sich der Pächter der städtischen Ostertorwirtschaft, Gastwirt Heinrich Stolle, darüber, daß er jede Nacht zehn bis zwölf fremde Personen beherbergen müsse, worunter sich viele Ausländer, namentlich polnische Juden, befanden.

Am 13. März 1868 wurden elf Sarstedter Einwohner, ausnahmslos junge Handwerker, verhaftet und später wegen Teilnahme am Aufruhr am Fastnachtstage zu Gefängnisstrafen verurteilt. Sonntagsarbeiten waren zu der Zeit streng verboten und wurden nur in seltenen Fällen auf schriftlichen Antrag gestattet. So wurde am 12. Dezember 1869 dem Mühlenbesitzer Malzfeldt das Mahlen während des Gottesdienstes für die beiden Sonntage und den Bettag vor Weihnachten vom Kreishauptmann erlaubt. Durch Polizeiverordnung vom 13. Mai 1870 wurde allen Lehrlingen der Besuch der Gewerbeschule in Sarstedt zur Pflicht gemacht.

Am 19. Juli 1870 erklärte Napoleon Deutschland den Krieg. Auch in Sarstedt wurden alle wehrfähigen Männer zu den Waffen gerufen.

Im August 1870 mußte die Stadt eine größere Anzahl ausführen und die dazu Gespanne zur Verfügung stellen, wofür die Militärverwaltung Zahlung leistete. Durch eine Verfügung des Kreishauptmanns vom 8. August 1870 wurde an die Ehefrauen beziehungsweise Eltern von 14 am Krieg teilnehmenden Sarstedter Soldaten laufende Unterstützungen bezahlt, die unterschiedlich in jedem einzelnen Falle nach der Bedürftigkeit festgesetzt wurden und sehr gering waren.

Am 18. Juni 1871 fand aus Anlaß des glücklichen Ausgangs des deutsch-französischen Krieges in Sarstedt eine große Friedensfeier statt, die zusammen mit dem Freischießen veranstaltet wurde. Aus gleichem Anlaß wurden zwei Friedenseichen gepflanzt.

Am 9. September 1871 wurde für den Umfang der Stadt Sarstedt eine Polizeiverordnung über die Sauberhaltung der Straßen und Plätze und der öffentlichen Brunnen erlassen.

Es hatte sich in Sarstedt die schlechte Gewohnheit eingebürgert, daß die Handwerker und Geschäftsleute einen Teil ihrer Waren über Nacht vor ihren Geschäftslokalen stehen ließen und die Straße für ihre geschäftlichen Reklamezwecke benutzten. Der Magistrat mußte gegen diese Unsitte einschreiten, zumal immer mehr eine Gefahrenquelle für den Verkehr dadurch entstand. So erhielt am 14. Oktober 1871 auch der Schlossermeister Voss, Hahnenstein, eine Aufforderung von Bürgermeister von Linsingen, die vor seinem Geschäftshaus lagernden Waren zu entfernen.

Am 10. Mai 1872 stattete der Oberpräsident der Provinz Hannover der Stadt Sarstedt einen offiziellen Besuch ab.

Von 1870 bis 1872 hatte die Sarstedter Bevölkerung unter der schwarzen Blattern-Epidemie sehr zu leiden. Die ansteckenden schwarzen Blattern, ärztlich Varioleiden, amtlich Kuhpocken genannt , forderten bei hunderten von Erkrankungsfällen zahlreiche Todesopfer, obwohl alle Schutzmaßnahmen wie Impfungen und Anbringung, von Warntafeln vor jedem Hause, in dem die Krankheit auftrat, getroffen waren.

Am 4. Januar 1873 mußte die Stadt an den Amtsvoigt Brandes in Hildesheim einen Beitrag von 84 Talern für die Amtsnebenanlage in Sarstedt zahlen, wozu am 4. Juli des gleichen Jahres ein nochmaliger Betrag von 37 Talern kam. Diese Umlage mußte in gleicher Höhe alljährlich geleistet werden.

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