Nach Kriegsende blühte der Schwarzhandel

[05.10.1996] Polizeichronik berichtet im Jahr 1946 von Ausgangssperren und strenger Betrafung

S a r s t e d t . (r) Entnazifizierung, Ausgangssperren, Schwarzhandel und Flüchtlingstrecks bestimmten das Leben in Sarstedt unmittelbar nach Kriegsende. Sogar von Erschießung auf offener Straße berichtet die Polizeichronik aus dem Jahr 1946.

Dem Polizeikommandanten des Kreises Hildesheim-Marienburg, Hauptmann Jandt, Hildesheim, Kaiser-Friedrich-Straße 20, unterstanden die Dienstabteilungen des Kreises. Chef der Polizei im Polizeibezirk Hildesheim war der Major Leiste. Die Aufgaben der Militärregierung - Military Goverment Det 117 - nahm der P.S.O. Goshin (cap.) wahr. Mit dem jeweiligen P.S.O. ließ sich gut zusammenarbeiten. Der einzelne Polizeibeamte erhielt soweit bekannt immer Unterstützung.

Jeder Polizeibeamte der Polizeiabteilung Sarstedt wurde mehrere Male entnazifiziert. Die erste Entnazifizierung erfolgte vor der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft. Am 12. September 1946 erfolgte die Police-Denazification durch das HQ Mil. Gov. RB Hildesheim, 117 HQ CCG, BAOR-Lt. Col. Smith (P.S.O.) Die Kommission wurde wohl von Deutschen gebildet. Sie fragte den Prüfling in kräftigem Ton aus und gab dann den Bescheid: “Sie können im Dienst verbleiben!” Im April 1947 erfolgte eine erneute Entnazifizierung mittels eines zwölfseitigen Fragebogens. Polizeikommissar Austelat stellte einige Fotokopien der damaligen Vordrucke und Schriftstücke zur Verfügung.

Dienstliche Besonderheiten: Die Sarstedter Bevölkerung verhielt sich nach dem Kriege vorwiegend gesetzeskonform, Verordnungen der Militärregierung wurden weitgehend eingehalten. Lediglich die Wirtschaftskriminalität (Schwarzschlachten, Schwarzhandel, Schwarzbrennerei) und das Organisieren von Feuerung, Diebstähle aus der Muna Ahrbergen, gelegentliche Diebstähle von Kleinvieh und und Kartoffeln kamen vor. Mohn wurde zum Beispiel mit Hilfe des mitgeführten Fahrrades auf dem Feld ausgedroschen.und entwendet. Auf abgeernteten Stoppel- und Kartoffelfeldern suchten viele nach Getreide oder Kartoffeln. Zum Schwarzhandel fuhren die Sarstedter nach Hannover und tauschten dort am Hauptbahnhof.

Das Militärgericht in Hildesheim verhängte auch bei geringen Anlässen lange Freizeitstrafen. Das Braunschweiger Militärgericht - zuständig für unbefugten W affenbesitz oder andere damals schwere Delikte - sprach oft die Todesstrafe aus. Ob diese vollstreckt wurde, ist nicht bekannt.

Auf dem Hof der Eremitage (Anbau an der damaligen Gärtnerei Bartels) befand sich das Obdachlosenasyl. Dieses war täglich mit mehreren Heimatlosen belegt und mußte von uns überwacht werden (Registrierung der Personen, Zuweisung der Schlafstellen, Überwachung des ordnungsgemäßen Verlassens usw.).

Für die Zivilbevölkerung bestand nachts Ausgangssperre. Die Einhaltung mußte kontrolliert werden (Doppelstreifen zu Fuß). An der Holztorstraße/Ecke Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße wurde in einer Nacht von einem Engländer ein Zivilist erschossen, weil er auf Anruf nicht stehen blieb. Die Grundstücke der Straßen Wellweg und Friedrich-Ebert-Straße waren von einer britischen Einheit beschlagnahmt und belegt worden. Die Polizei hatte dafür zu sorgen, daß die betroffenen Eigentümer nicht zu ihren Grundstücken gingen.

Sarstedt war 1946 eine der Hauptankunftsstellen für geschlossene Flüchtlingstransporte, meistens aus Schlesien. Die teilweise zu Hunderten zählenden vorwiegend Frauen und Kinder umfassenden Trecks kamen mit ihren letzten Habseligkeiten am Bahnhof an.

Sie wurden in den vorhandenen Schulen und Sälen untergebracht und nach wenigen Tagen oder auch nur Stunden mit Hilfe der hiesigen Polizei in die umliegenden Orte und in die Häuser der Stadt aufgeteilt und dort hineingebracht.

Einschreiten bei der Unterbringung war 1946 nur selten notwendig. Hauptsächlich wurden durch die Sarstedter Polizeibeamten Sicherheitsaufgaben wahrgenommen.

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