Sechs Monate Gefängnis für SPD-Werbung

[18.05.1996] Sarstedter Kaufmann mußte 1884 hinter Gitter / Heute 7. Teil der Polizei-Chronik

S a r s t e d t . (r) Ein neuer Bürgermeister, ein Jahrhundert-Hochwasser und eine Spatzenplage: Der “Sarstedter Anzeiger” setzt heute seine Serie mit Auszügen aus der Polizeichronik fort:

Das Gericht hielt in Sarstedt regelmäßig Gerichtstermine ab. Auch ein Obergerichtsvollzieher war in Sarstedt stationiert, desgleichen zwei Zollbeamte. Polizeibeamte werden in der Chronik nicht erwähnt. Wegen Entziehung von der Militärpflicht wurden zwei Sarstedter Einwohner am 18. Mai 1876 zu je einem Monat Gefängnis verurteilt.

Am 31 . August 1879 trat Bürgermeister Steinweden nach nur fünfjähriger Amtszeit in den Ruhestand. Der am 30. Juli 1879 gewählte Bürgermeister Wilhelm Kücke trat am 1. September 1879 seinen Dienst als Stadtoberhaupt an.

Dem städtischen Ausrufer wurden am 4. Dezember 1879 für jede hiesige Bekanntmachung 40 Pfennig und für jede auswärtige Verlautbarung 50 Pfennig bewilligt.

Der uniformierte Ausrufer hatte eine Glocke mit und rief nach vorherigem gehörigen Läuten an allen Straßenecken und Plätzen der Stadt die öffentlichen Bekanntmachungen aus. Da es noch keine andere Nachrichtenübermittlung in Sarstedt gab, stürzten alle Menschen beim Ertönen der Glocke an die Fenster oder auf die Straße, um sich die amtlichen Neuigkeiten der Stadt nicht entgehen zu lassen. Am 1. April 1880 wurde ein Feld- und Forstpolizeigesetz erlassen, das unter anderem auch dem städtischen Feldhüter bei seiner Amtstätigkeit als Richtschnur galt.

Das bislang größte Hochwasser in der Geschichte der Stadt erlebte Sarstedt im Jahre 1880. Damals zeigte der Innerste-Pegel in Heinde nach einem in Sarstedt eingegangenen Hochwasser-Telegramm den vorher nie erreichten Höchststand von 3,23 Meter an. Ländereien und Wiesen rund um Sarstedt waren tagelang überschwemmt. Das Wasser drang auch in verschiedene Stadtteile ein. Viele Keller und Stallungen liefen voll. Der Schaden war sehr groß.

Bürgermeister Kücke berichtete in einem Schreiben vom 15. Februar 1881, daß in den letzten Jahren eine erhebliche Vergrößerung der Stadt durch eine verhältnismäßig große Zahl neuer Wohnhäuser entstanden ist.

Demzufolge nahm der Magistrat auch eine Änderung der Einteilung der Stadtteile bei Wahlen vor.

Die Neubautätigkeit war im Holztorviertel am größten. Sie war mit bedingt durch das Aufblühen der Vosswerke. Dieses Werk konnte den Betrieb immer mehr vergrößern und mußte demzufolge auch von außerhalb immer mehr Arbeitskräfte heranziehen, die kaum wohnungsmäßig in Sarstedt unterzubringen waren. Dadurch war eine Wohnungsknappheit entstanden, die zu einer verstärkten Neubautätigkeit zwang. Sarstedt begann, sich aus einem Ackerstädtchen in einen Industrieort zu verwandeln.

Am 29. Mai 1882 wurde eine männliche Leiche an einem Baum hängend im Wenderbusch aufgefunden. Es handelte sich um einen 27jährigen Kaufmann aus Stendal, der an Schwermut litt.

In einem Bericht vom 7. Februar 1884 wurde über eine große Sperlingsplage in Sarstedt geklagt. Es wurden zur Bekämpfung der Plage Prämien ausgesetzt. Für jeden abgelieferten Spatzenkopf bezahlte die Stadt einen Pfennig.

Am 11. Juli 1884 verurteilte das Landgericht Hannover den Handelsmann Ernst Buermann aus Sarstedt wegen Verbreitung sozialdemokratischer Schriften zu sechs Monaten Gefängnis. Der aus dem gleichen Grunde angeklagte Arbeiter August Schenkemeyer kam mit 20 Mark Geldstrafe davon.

Im Jahre 1885 wurde die Brücke über den Dickebast im Zuge der Holztorstraße neu gebaut, nachdem die Vorarbeiten und Verhandlungen dazu schon seit dem Jahre 1856, also nahezu 30 Jahre, betrieben waren. Nur zur Anbringung eines neuen Brückengeländers war es im Jahre 1868 gekommen und auch dieses nur deswegen, weil ein auswärtiger Reisender über die Brüstung gefallen war.

Archivarin findet Chronik-Autoren

Sarstedt.(br) Das Rätsel um den Verfasser der Polizei-Chronik ist gelöst. Nach Überzeugung von Stadtarchivarin Ruth Höftmann hat der “Kreisanzeiger”-Redakteur Albert Rolff die Daten zusammengestellt.
Der Sarstedter Polizeichef Günter Frickmann, der die Chronik fortsetzt, hatte die Aufzeichnungen Rolffs Nachfolgerin Margarete Schaper zugeordnet. Er mußte sich allerdings auf Vermutungen verlassen. Denn einen Hinweis auf den Verfasser gibt es nicht.
Die Veröffentlichung der Auszüge im “Sarstedter Anzeiger” weckte nun bei Stadtarchivarin Ruth Höftmann den Wunsch, der Sache auf den Grund zu gehen. Die Wissenschaftlerin wurde fündig. “Der Text gleicht oft genau der Chronik der Stadt für die Jahre 1853 bis 1949”, hat Höftmann herausgefunden. Und jene stammt aus der Feder Albert Rolffs, der von 1925 bis 1951 als Schriftleiter in den Dienstes des “Kreisanzeigers” stand.
Nach Höftmanns Recherchen hat Rolff von 1947 bis 1951 an dem Werk geschrieben, das wesentlich umfangreicher als die Polizei-Chronik ist. Die Stadt zahlte ihm 2240 Mark Honorar. Ganz falsch habe Frickmann jedoch vielleicht nicht gelegen, meint Höftmann: “Es kann durchaus sein, daß Margarete Schaper die Polizeiaufzeichnungen zusammengestellt hat. Aber eben auf Grundlage der Stadt-Chronik.”

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