1929 war ganz Sarstedt eine Tempo-15-Zone

[03.08.1996] Die Chronik der Polizei im “Sarstedter Anzeiger”: Heute das Jahr 1929

S a r s t e d t . (r) Vor 66 Jahren bekam Sarstedt eine eigene Verwaltung und damit Gewalt über die Polizei. Die erklärte die komplette Stadt zur Tempo-15-Zone, wie die Polizeichronik schildert. Der “Sarstedter Anzeiger” setzt heute die Auszüge aus dem Werk fort:

Die häßlichen, das Stadtbild verschandelnden hölzernen Leitungsmasten auf der Stein- und Holztorstraße wurden 1928 entfernt und die Stromleitungen an den Häusern befestigt.

Die Vosswerke bauten den ersten Kochherd mit Ölfeuerung. Die hiesigen Vosswerke erhielten Aufträge zur Lieferung von elektrischen Kochanlagen für den 46 00 Bruttoregistertonnen-Dampfer “Bremen” des Norddeutschen Lloyd.

Die Sarstedter Dachsteinfabrik Otto Gott GmbH nahm eine Drahtseilbahn in Betrieb, die den Ton von den Gruben auf dem Moorberg zu beiden Sarstedter Werken befördert. Der Bau der Anlage hatte im Frühjahr begonnen.

Die Bahn hatte eine Länge von 3350 Meter und bestand aus einer in der Tongrube errichteten Anfangsstation, einer Winkelstation, einer auf Werk I erbauten Kippstation zum Entleeren der für dieses Werk bestimmten Loren und der auf Werk II errichteten Endstation. Sie überquerte die Kipphutstraße, die Straßenbahn und die Betonstraße sowie die Kreisstraße.

Die Verkehrswege waren durch hölzerne Brücken gesichert, über der Reichseisenbahn wurde eine eiserne Schutzbrücke errichtet.

Die Anlage dieser Bahn war in verkehrstechnischer Beziehung für die Stadt wie auch für den Kreis recht wertvoll. Vorher mußten zehn Gespanne täglich sechsmal die Kreisstraße benutzen.

Im Februar 1929 begann eine langanhaltende starke Kälteperiode. In Sarstedt wurden 25 Grad unter Null gemessen. Innerste und Leine waren zugefroren. Die Eisdecke war 60 Zentimeter dick. Starke Schneefälle lähmten den Verkehr; die Straßenbahn lag wochenlang still.

Die städtischen Kollegien beschlossen in ihrer Sitzung vom 12. Oktober 1929 beim Staatsministerium die Stadtwerdung unseres Ortes zu beantragen.

Die beantragte Stadtwerdung Sarstedts wurde vom Ministerium genehmigt. Sarstedt erhielt städtische Verfassung mit eigener Polizeiverwaltung.

In der Sondersitzung des Magistrats und des Bürgervorsteher-Kollegiums vom 1. Juli 1930 stand als einzigster Punkt das Projekt der Innerste-Regulierung auf der Tagesordnung.

Regierungs-Baurat Waßmann vom Kulturbauamt Hildesheim hielt einen zweistündigen Vortrag über die technische Seite des Projekts.

Bürgermeister Budschigk beleuchtete anschließend die finanzielle Seite und gab bekannt, daß das Regulierungs-Projekt der Innerste von der Bruchgraben-Mündung bis zur Mündung in die Leine einen Kostenaufwand von 1 250 000 Mark erfordere. Staat und Provinz zahlen hierzu 50 Prozent an Zuschüssen. 220 000 Mark seien bereits überwiesen.

Die Arbeiten sollten im Form der produktiven Erwerbslosenfürsorge durchgeführt werden.

Obwohl sich ganz besonders der Kreistagsabgeordnete Theodor Klöpper, der schon seit Jahren in nie erlahmender Tätigkeit für die Innerste-Regulierung eingetreten war, für die Ausführung des Projekts aussprach, kam es nicht zu einem bindenden Beschluß.

Am 11. Februar 1930 wurde durch ein Großfeuer die Baxmann’sche Dampfmühle eingeäschert. Der Brandschaden betrug 300 000 Mark. Man vermutete Brandstiftung, die aber nicht nachgewiesen werden konnte. Wenige Tage vor dem Brand war die Firma insolvent geworden. Die Brandruinen mußten wegen Einsturzgefahr von Pionieren gesprengt werden.

Eine Polizeiverordnung setzte die Höchstgeschwindigkeit für alle Fahrzeuge auf den Straßen der Stadt auf 15 Kilometer pro Stunde fest.

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