Beim Terror der Nazis sahen die Polizisten weg

[17.08.1996] Die Chronik der Polizei im “Sarstedter Anzeiger”: Heute die Jahre 1933 bis 1935

S a r s t e d t. (r) Die Nazis terrorisieren politische Gegner, einige Sarstedter Polizisten helfen ihnen, andere schauen weg und erteilen Kindern Verkehrsunterricht: So schildert der Chronist der Polizei die Jahre 1933 bis 1935.

In Sarstedt wurden wiederholt Haussuchungen nach Waffen vorgenommen, die ergebnislos verliefen. Am 25. März 1933 wurde Bürgermeister Budschigk seines Amtes erhoben. Wasserwerksmeister Herbecke wurde verhaftet, gleichfalls wurden sieben Mitglieder der KPD verhaftet, drei weitere konnten sich der Verhaftung durch die Flucht entziehen. Kommissarischer Bürgermeister wurde Felix Kopprasch aus Hannover-Linden.

Der festgenommene ehemalige Bürgermeister Budschigk wurde in Pantoffeln von Nationalsozialisten durch die Straßen der Stadt getrieben. Man hatte ihm ein Schild um den Hals gehängt. Darauf stand: “Ich bin ein Schwein”. Die Polizeibeamten waren äußerst zaghaft und schritten nicht ein.

Die Einwohnerzahl der Stadt betrug am 1. April 1933 5472 Seelen. Die Stelle des Bürgermeisters wurde öffentlich ausgeschrieben. Zum neuen Bürgermeister wurde von 43 Bewerbern Friedrich Niemann aus Hannover-Linden gewählt. Der Sarstedter Polizeibeamte Schmidt, ein linksstehender SPD-Mann, war verschärftem Druck durch die Nazis ausgesetzt. Er wurde nach Hamburg versetzt und erhängte sich dort.

Der Bauer Karl Weber wurde im Januar 1934 zum Ortsbauernführer von Sarstedt ernannt. Am 21. März 1934, dem Tage des Beginns der Arbeitsschlacht, wurde mit der Innerste-Regulierung in Anwesenheit des Regierungspräsidenten begonnen. Sarstedt war frei von Arbeitslosen, die letzten 150 Erwerbslosen bekamen eine Stelle.

Am 7. Mai 1934 ging zwischen 14 und 15 Uhr ein Wolkenbruch nieder. Kesselhaus und Eisengießerei der Vosswerke wurden überflutet und mußten durch Motorspritzen wieder leergepumpt werden. Durch Blitzschlag wurde die Stromversorgung der Stadt für fünf Stunden unterbrochen.

Die Vosswerke bauten 52 Großkessel mit je 1500 Liter Fassungsvermögen für die Speisung der Teilnehmer am Nürnberger Parteitag. Fünf Sarstedter wurden vom Schwurgericht Hannover wegen Hochverrats zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilt. Sie hatten illegale Schriften verbreitet.

Der Polizeibeamte Hollemann wurde nach Sarstedt versetzt. Bei der Verfolgung von Gegnern des Nationalsozialismus tat sich der Polizeibeamte Heidorn hervor. Er war der Gestapoverbindungsmann. Die Leute fürchteten ihn sehr und nannten ihn hinter vorgehaltener Hand “Raubritter aus Sarstedt”.

Der Albert Burlitt aus Sarstedt leistete sich zu der Zeit ein dreistes Stück. Er stellte sich in der Gaststätte Wullekopf auf den Tisch und sang die “Internationale”. Daraufhin wurde er drei Tage von der Polizei und der Gestapo gesucht und gejagt. Am dritten Tag sah er keinen Ausweg mehr und erhängte sich.

Der Gummiknüppel wurde abgeschafft. Die Polizisten mußten ihre Knüppel auf Grund einer Verfügung des preußischen Innenministers abliefern. Am 30. Januar 1935 wurde eine neue Reichsgemeinde-Ordnung erlassen, wodurch das Verfassungs-Statut der Stadt außer Kraft trat. Die Polizei führte Verkehrsunterricht für Schulkinder durch.

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