Hunger, Not und Tollwutgefahr in Sarstedt

[06.07.1996] Blick in die Polizei-Chronik zeigt: Der erste Weltkrieg beeinflußt das Leben aller Bürger

S a r s t e d t . (r) Einblick in das Leben der Sarstedter Bürger wahrend des ersten Weltkriegs geben die Aufzeichnungen der Polizei-Chronik aus dem Jahr 1915. Nicht nur Kupfer, Nickel und andere Metalle wurden beschlagnahmt, auch Nahrungsmittel und sogar Fahrradreifen mußten die Bürger abliefern.

Bald nach Kriegsausbruch trafen in Sarstedt die ersten Gefangenen zur Arbeitsleistung ein. Es waren zuerst Zivilinternierte aus Belgien, später folgten dann auch russische, belgische, englische und französische Kriegsgefangene, die vornehmlich in der hiesigen Kaliindustire, bei den Vosswerken und in der Landwirtschaft zum Arbeitseinsatz kamen.

Am 12. September 1914 wurde eine Polizeiverordnung erlassen, wonach die Quer - und Venedigstraße für den Durchgangsverkehr gesperrt wurden. Nur Anlieger durften die Straßen benutzen.

Im Januar 1915 wurde Sarstedt zweimal kurz hintereinander von Hochwasser heimgesucht. Die Innerste trat über die Ufer und überflutete die Felder und den tiefer liegenden Teil der Stadt.

Das Verfüttern von Roggen, Weizen und Hafer wurde verboten.

Es wurden Höchstpreise für Lebensmittel festgesetzt und ihre Überschreitung unter Strafe gestellt.

In Sarstedt wurde die Brotkarte eingeführt. Brot durfte von Anfang März 1915 ab nur noch auf Marken abgegeben werden. Die tägliche Ration betrug 250 Gramm. Im März 1915 führte die Innerste Hochwasser, wie es in diesem Ausmaße seit 1880 nicht mehr zu verzeichnen war. Viele Häuser und Straßen der Stadt standen unter Wasser. Die katholische Kirche war tagelang von allen Seiten von Hochwasser umgeben; der Verkehr nach Ruthe war unterbrochen.

Auf Antrag der SPD wurde bei Kontrollversammlungen der Wehrpflichtigen erstmalig der Passus nicht mehr verlesen, wonach sozialdemokratische Gesinnung und das Lesen sozialdemokratischer Schriften verboten war.

Am 9. Mai 1915 fand eine Bestandserhebung der Vorräte an Getreide und Mehl statt und am 15. Mai 1915 folgte eine solche der Kartoffeln. Der Magistrat leitete eine Sperlings-Bekämpfungsaktion ein. Für jeden toten Sperling zahlte er eine Prämie von drei Pfennig. Die Firma Voss sen. erhielt große Kriegsaufträge. Da die Lieferungen dringend waren, mußte die Arbeitszeit bis acht Uhr abends und sonnabends bis zwölf Uhr nachts ausgedehnt werden.

Der Kleinverkauf von Branntwein wurde verboten.

Ab 1. Juli 1915 wurde die Zusatzbrotkarte für Schwerarbeiter eingeführt. Die Herstellung und der Verkauf von Schlagsahne wurden verboten.

Die Kartoffelernte 1915 fiel sehr reichlich aus. Die Stadt kaufte mehrere Ladungen Mais und verteilte ihn als Viehfutter an die Schweinehalter.

Es kamen neue, aus Eisen geprägte Fünf-Pfennig-Stücke heraus, denen bald solche zu zehn Pfennig folgten. Alle Gegenstände aus Kupfer, Messing und Nickel wurden beschlagnahmt und mußten abgeliefert werden.

Sämtliches Nußbaumholz sowie nicht gefällte Nußbäume wurden beschlagnahmt. Gleichzeitig wurde eine Bestandserhebung durchgeführt. Von den hiesigen Betrieben zugewiesenen Kriegsgefangenen unternahmen verschiedene Lagerinsassen Fluchtversuche, die meist mißglückten.

Es erfolgte eine Beschlagnahme und Bestandserhebung der Fahrradbereifungen. Gleichzeitig wurde der Fahrradverkehr Einschränkungen unterworfen.

Zur Bekämpfung der Überhand nehmenden Felddiebstähle stellte die Stadt zwei Feldhüter ein.

Eicheln und Kastanien wurden beschlagnahmt und mußten an die Sammelstellen abgeliefert werden.

Infolge Futtermangels setzte ein Preissturz für Schweine ein.

Wegen Ausbruchs der Tollwut, die zu einer schweren Gefahr für Menschen und Tiere wurde, mußte die Hundesperre verhängt werden.

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