Trunkenheit kostete Bürgervorsteher sein Amt

[20.04.1996] Die Auszüge aus der Polizei-Chronik: Heute der Abschnitt von 1855 bis 1856

Sarstedt. (r)Der “Sarstedter Anzeiger” hat in der vorigen Wochenend-Ausgabe mit dem auszugsweisen Abdruck von Passagen aus der Chronik der Polizei begonnen. Wie Sarstedts Polizeichef Günter Frickmann vermutet, hat Margarete Schaper, Redakteurin mit großem Interesse an der örtlichen Geschichte, die Daten in den sechziger Jahren zusammengetragen.

Um einer Entheiligung des Sonntags zu begegnen, verfügte das königliche Ministerium des Innern am 21. Februar 1855, daß Jahrmärkte in Zukunft sonntags nicht mehr abgehalten werden dürfen. Der Magistrat beschloß, die Jahrmärkte ab 1855 montags abzuhalten. Es fanden zu dieser Zeit in Sarstedt jährlich drei Jahrmärkte und ein Schweinemarkt statt, die ziemliche Bedeutung hatten und gute Umsätze erzielten.

Die besondere Lage der Stadt Sarstedt zwischen den Metropolen Hannover und Hildesheim brachte dahier einen emsigen Wander- und Fahrzeugverkehr, so daß neben den ehrlichen Kauf- und Handelsleuten auch oftmals liederliches Volk erschien und den Bürgersleuten durch vielschichtige Dieberei und sonstigem Unwesen Schaden zufügte.

Deshalb ergeht am 29. November 1855 nach Genehmigung durch den königlichen Minister des Innern von der königlichen Landdrostei in Hildesheim folgende Weisung an die Stadt Sarstedt und 23 umliegende Orte: “Mit sofortiger Wirkung wird in Sarstedt eine Landgendarmerie-Station errichtet, welchige mit zwei Fußgendarmen zu besetzen ist. Die Stadt Sarstedt und die unserem Amtsbereich angehörigen 23 umliegenden Ortschaften haben anteilmäßig zu den Quartierungskosten, Wohn- und Verpflegungskosten einen angemessenen Zuschuß zu zahlen.”

Die Preise für Lebensmittel waren 1855 nach einer amtlichen Feststellung folgende: 1/2 kg Weizenmehl acht Pfennig; Roggen- und Gerstenmehl sechs Pfennig; Buchweizengrütze, Gersten- , Graupen- und Hafergrütze 1 gGr.; Butter 3 gGr.; Speck 3 gGr., 4 Pfennig; Schmalz 4 gGr. ; geräucherter Schinken 3 gGr.; geräucherte Mettwurst 4 gGr., geräucherte Blut- oder Rotwurst 2 Gr., Schweinefleisch 2 gGr., 8 Pfennig; Ochsenzungen das Stück 4 gGr.; Fische á Â½ kg 1 gGr.; Heringe á Stück sechs Pfennig; Salz 50 Kilo ein Taler; ein Schock Handkäse 10 gGr. ein Schafskäse (375 g) Nach einer Verfügung vom 11. Januar 1856 wurden die Brotpreise wie folgt amtlich festgesetzt: vier Pfund schweres, grobes, sogenanntes Kommisbrot 4 gGr., vier Pfennig; drei Pfund, vier Lot schweres Roggenbrot 4 gGr.; fünf Pfund Sauerbrot (Roggen mit Zusatz) 4 gGr.; 18 Lot Weißbrot 1 gGr.

Aus einer am 22. März 1856 ausgestellten Arbeitsbescheinigung für einen hiesigen umgelernten Arbeiter geht hervor, daß er in der Woche drei Taler (neun Mark) verdiente.

Die beiden Fußgendarmen nahmen ihre Tätigkeit sehr genau und ließen auch bei den honorigen Herren der Stadt nichts durchgehen. Im März 1856 mußten sie gegen einen zur nächtlichen Zeit randalierenden Bürger vorgehen. Es stellte sich heraus, daß es sich hierbei um den Bürgervorsteher Tischlermeister H. Westphale handelte, der volltrunken singend und randalierend durch die Straßen zog.

Schon am 7. April 1856 fand gegen selbrigen vor dem Polizeigericht in Hildesheim die Verhandlung statt. Der Tischlermeister H. Westphale wurden wegen “Trunkbefälligkeit mit Ärgernis” zu fünf Talem Geldstrafe verurteilt. Daraufhin mußte er sein Amt als Bürgervorsteher niederlegen.

Auch der Nachtwächter Heinrich Tölke wurde volltrunken im Dienst angetroffen. Der Magistrat kündigte Heinrich Tölke daraufhin am 6. August 1856 wegen der “Einnahme berauschender Getränke bei Ausübung des Dienstes” das Dienstverhältnis auf.

Zurück: 1853 Ruthe ist Königsamt
Weiter: Kinder vor der Ehe