US-Panzer rollen in die zerschossene Stadt

[14.09.1996] Einmarsch über Ruthe / Sprengung der Eisenbahnbrücke in letzter Minute verhindert

S a r s t e d t. (r) In dieser Folge der Sarstedter Polizeichronik schildert der Verfasser Kriegsende und den Einmarsch der Amerikaner in die Stadt. Trümmer, Schutt und Scherben boten ein Bild der Verwüstung.

In den letzten Kriegsmonaten geriet das gesamte Wirtschafts- und Zivilleben in Unordnung. Infolge der Tag und Nacht fast pausenlos erfolgenden Luftangriffe wurden die Nerven der Menschen zermürbt. Auch im Verkehrs- und Versorgungsleben traten ernste Stockungen ein. Jeder sehnte den Kriegsschluß herbei.

Als die Amerikaner Anfang April 1945 die Weser erreichten, konnte man in Sarstedt schon den Kanonendonner hören. Die vielen tausend Ausländer, die als Zwangsarbeiter in hiesigen Betrieben während des Krieges beschäftigt waren, wurden unruhig und wollten nicht mehr arbeiten. Sie wußten, daß ihre Befreiung unmittelbar bevorstand.

Anfang April 1945, als die Amerikaner auf ihrem Vormarsch immer näher rückten, wurden die Mehlvorräte der Mühlenwerke Malzfeldt an die Einwohnerschaft verteilt, um bei einer eventuellen Zerstörung der Mühle durch Kriegshandlungen das Mehl zu retten. Am Dienstag, 3. April 1945, wurde zur Sicherstellung der Ernährung verfügt, daß die Lagerbestände an Dauerfleisch und Wurstwaren, Mehl, Schuhwerk usw. ordnungsgemäß, aber ohne Marken verkauft werden durften. Einem höheren Befehl, wonach sämtliche Lagervorräte in die Luft gesprengt werden sollten, wurde nicht Folge geleistet.

Acht Kisten Sprengstoff mit 560 Kilogramm Inhalt wurden am 5. April 1945 auf Befehl der deutschen Wehrmacht unter die Pfeiler der großen Eisenbahnbrücke über die Innerste bei Sarstedt angebracht und zur Sprengung vorbereitet. Sechs Soldaten führten diesen Befehl aus und bewachten die Brücke.

Bei Annäherung des Feindes hatten sie die dem Eisenbahnverkehr auf der Strecke Hannover-Kassel dienende Brücke in die Luft zu jagen.

Diese Sprengung, die den Vormarsch der Amerikaner doch nicht aufgehalten, den Eisenbahnverkehr aber auf lange Zeit stillgelegt und auch alle benachbarten Häuser gefährdet hätte, wurde von dem Eisenbahnsekretär Josef Aselmeyer verhindert. Er entfernte am 7. April 1945 kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner die Sprengladungen und warf die Munitionskisten in die Innerste.

Am 6. April 1945 wurden umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen für die Sarstedter Bevölkerung getroffen.

Um das Leben der Einwohnerschaft vor dem befürchteten Beschuß der Stadt zu sichern, wurden alle Bewohner aus dem Ort herausgeführt. Die Bewohner hielten sich unter freiem Himmel auf, etliche blieben in den Kellern der Häuser zurück. Alle Schriftsätze der NSDAP wurden verbrannt, ebenfalls alle Zeichnungen und Schriftstücke, die bei den Voss-Werken über V-Geschosse und sonstige Geheimwaffen vorhanden waren.

Am 7. April 1945 rückten die Amerikaner in Sarstedt ein, nachdem sie die Stadt vorher stundenlang aus Richtung Jeinsen mit Panzergranaten beschossen hatten und dadurch zahlreiche Brände und Zerstörungen verursachten. Besonders schwer wurden die Post, die Vosswerke, die Schule und Häuser an der Giesener Straße und Jahnstraße getroffen. Mehrere Einwohner erlitten Verwundungen.

Erst als die Amerikaner die Sarstedter Eisenbahnflak zum Schweigen gebracht hatten, trat eine Gefechtspause ein. Es waren aber schon weit über 100 Treffer in Sarstedt erzielt. Von Ruthe her näherten sich die ersten Panzer der Stadt. Um 17 Uhr wurde Sarstedt kampflos übergeben. Die Stadt bot das Bild des totalen Krieges: Trümmer, Schutt und Glasscherben, zerrissene Telefon- und Hochspannungsleitungen, dazwischen herumfahrende amerikanische Panzer, so sah es auf den Straßen in Sarstedt aus.

Zurück: Nazis verlegen Ämter und Firmen
Weiter: Eisenbahner Knoke wird zum Held