Ludwig Prandtl: Ein Lebensbild; Erinnerungen, Dokumente von Johanna Vogel-Prandtl

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Es war inzwischen auch notwendig geworden, nun auch eine Schreibkraft einzu-
stellen. Dies brachte Prandtl auf den Gedanken, sich bei seinen Kollegen nach einer geeigneten Sekretärin zu erkundigen. Durch menschliche Beziehungen konnten Probleme, auch die einer Anstellung. am zuverlässigsten gelöst werden. Herr Professor Wiechert, Leiter des seismologischen Instituts, hatte eine vorzügliche Schreibhilfe, Fräulein Frieda Kreibohm, die auch als technische Rechnerin arbeitete. Man fragte nach, ob diese Dame vielleicht noch eine Schwester habe, die man einstellen könne.

Die Schwester war aber erst 16 Jahre alt und hatte die Schule noch nicht beendet. Als man ihr anbot, sie könne sofort eingestellt werden, zog sie es doch vor, ihr letztes Schuljahr nicht abzubrechen. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte Professor Wiechert seine Schreibkraft für den halben Tag an Prandtl abgeben. Es mußten die Messungen, die bei den Versuchen gemacht wurden, rechnerisch ausgewertet werden. An demselben Tag, an dem die jüngere Schwester, Hilde Kreibohm, ihre Schulzeit mit der üblichen Prüfung abgeschlossen hatte, ging sie schon am Nachmittag in die Versuchsanstalt. Sie ist dort über 50 Jahre. ein ganzes Arbeitsleben, geblieben; aus der kleinen Schreibhilfe wurde bald eine Chefsekretärin. Als ich sie aufsuchte, fragte ich nur noch: “Konnten Sie denn Schreibmaschine schreiben?” “Nein,” sagte sie, “Kurse gab es ja damals noch nicht. Ich bekam durch Professor Beta eine alte Maschine zu uns ins Haus gebracht zum Probieren, und da habe ich stundenlang für mich geübt.”

(Ludwig Prandtl, + 1953)

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